Dass Menschen nicht nur in Gesellschaft mit Menschen, sondern auch in Gesellschaft mit Dingen leben, wird innerhalb der Kultur- und Sozialwissenschaften gegenwärtig kontrovers diskutiert. In seinem neuen Schwerpunkt zur Geschichte der Dinge setzt sich der Arbeitskreis mit solchen Debatten auseinander. In diesem Zusammenhang werden Fragen der Materialität und der Materialisierung aufgeworfen, die jene inzwischen schon fast klassische Geschichte der Dinge, wie sie oftmals in der Volkskunde oder der Alltagsgeschichte betrieben wird, theoretisch und methodisch erweitern.
Damit werden zugleich Grundprobleme der Geschichtswissenschaft in den Blick genommen, die unsere Konzeption des Menschen ebenso betreffen wie die Definition einer Handlung, die Bestimmung eines Akteurs und letztlich unser Verständnis des Sozialen. Dabei sollen Menschen nicht einfach stärker als bisher als Dinge begriffen werden. Das Ziel ist vielmehr, die Materialität und Materialisierung von Menschen neuartig und konsequent historisieren zu können, in Kooperation oder im Konflikt mit anderen Menschen, aber eben immer auch mit Dingen, seien es nun lebende oder leblose (auch Tiere galten bzw. gelten in vielerlei Hinsicht als Dinge). Menschen geraten damit als historisch unterschiedlich materialisiert in den Fokus und eine Geschichte der Dinge ist insofern stets auch eine Geschichte der Körper.
Dieses – vor allem an Bruno Latour geschärfte – Verständnis des Sozialen spricht Menschen nicht grundsätzlich mehr Agency zu als Dingen. Vielmehr wird die Frage nach der konkreten, nur empirisch zu erschließenden, unterschiedlichen Agency von Menschen und Dingen zum privilegierten Anliegen der historischen Forschung. Welche Effekte zeitigten Dinge in Mensch-Ding-Verhältnissen, die menschlichem Verhalten vorgelagert sind? In einer derartigen Perspektive stellt sich die Frage der Macht auf neue Weise, die bisher nur für Beziehungen unter Menschen oder – höchstens – für Verdinglichungspraktiken von Menschen aufgeworfen wurde. Ein Kernanliegen der klassischen Sozial- und Gesellschaftsgeschichte kann dementsprechend erheblich umfassender verhandelt werden.
Zu Recht wird jedoch – zumeist ausgehend von Judith Butler – darauf aufmerksam gemacht, dass Materialisierungsprozesse niemals vollkommen abgeschlossen sind. Dinge oder Körper können daher niemals vollständig bestimmten Anforderungen bzw. Anrufungen genügen. Sie tragen in diesem Sinne stets phantasmatische Züge und sind das Produkt von gesellschaftlichen Normierungs- und Normalisierungsversuchen – sowohl auf der Ebene von Diskursen als auch auf der Ebene von Praktiken. Wir denken daher, dass eine solche Geschichte der Dinge mit einer Geschichte des Wissens einhergehen sollte.
Vier Tagungen verfolgen vor diesem Hintergrund unterschiedliche Aspekte einer Geschichte der Dinge. Eine
erste Tagung, die Pascal Eitler, Maren Möhring und Aline Steinbrecher organisierten, widmete sich der Geschichte der Tiere in Auseinandersetzung mit der Geschichte der Gefühle. Tiere stellen Zwischenwesen dar, die einerseits häufig verdinglicht werden, denen andererseits aber vermeintlich menschliche Eigenschaften wie Gefühle zugeschrieben werden. Diese Tagung stellte Fragen nach der Bewertung und Verwertung von Tieren bzw. Dingen, nach deren Status als Aktanten und nach gesellschaftlichen Ungleichheiten innerhalb von Materialisierungsprozessen in den Mittelpunkt. Drei weitere Tagungen werden sich diesen zentralen Problembereichen in den nächsten Jahren gezielt zuwenden.
Die zweite Tagung, die Simone Derix und Benno Gammerl für Herbst 2012 vorbereiten, thematisiert unter dem Titel „Der Wert der Dinge“ Prozesse und Mechanismen der Wertsetzung. Die Tagung zielt darauf, ökonomische Perspektiven auf Dinge, etwa als Waren, aufzugreifen und diese unter Einbeziehung anthropologischer und soziologischer Ansätze so zu verschieben, dass die Wirkmächtigkeit der Dinge sowohl in Wechselwirkung mit Menschen als auch mit anderen Dingen analytisch in den Vordergrund tritt.
Eine dritte Tagung zur Konstitution sozialer Asymmetrien durch Dinge und zur “Verdinglichung” dieser Asymmetrien geht von der Beobachtung aus, dass die Analyse gesellschaftlicher Hierarchien in Bruno Latours Arbeiten oft seltsam unterbelichtet bleibt. Die Tagung, die Nina Verheyen und Christiane Reinecke organisieren, fragt daher gezielt danach, welchen Beitrag eine dinggeschichtliche Perspektive zur historischen Erforschung von sozialen Ungleichheiten leisten kann.
Eine vierte Tagung, die Pascal Eitler, Jens Elberfeld und Maren Möhring vorbereiten, lenkt abschließend die Diskussion auf die unterschiedliche Produktion von Aktanten und überaus vielfältige Materialisierungsprozesse im 19. und 20. Jahrhundert. Die Tagung wird dabei sowohl die Stabilität als auch die Fragilität von Dingen, Menschen und deren Gesellschaften ins Zentrum rücken und historisch befragen.
Ansprechpartner:
Pascal Eitler und
Uffa Jensen