
Thorsten Wagner
Geb. 1970. Studium der Geschichtswissenschaft, Germanistik und
Politikwissenschaft in Tübingen, Jerusalem, Berlin und
Madison. Promotion über Emanzipation und
Verbürgerlichung der dänischen Juden.
Doktorand
Institut für Geschichtswissenschaft
Technische Universität Berlin
c/o N. Schwenn, Genter Str. 57, 13353 Berlin
Tel.: 030-45493698
E-mail: thorsten_wagner@hotmail.com
Kurzbiographie
1989-1998 Studium der Neueren Geschichte, Germanistik und
Politikwissenschaft in Tübingen, Jerusalem und Berlin
1990-1992 Studentische Hilfskraft bei Prof. Dr. Gerd Meyer
1994-1998 Wissenschaftliche Hilfskraft (zeitweise mit
Unterrichtsaufgaben) bei Prof. Dr. Reinhard Rürup
1995-1999 Mitarbeit an diversen Projekten des Zentrums für
Antisemitismusforschung der TU Berlin
1994-1995 Mitarbeit an der von der Stiftung Topographie des Terrors
erstellten Ausstellung „Jüdische Geschichte in
Berlin"
Seit 1995 Mitglied des Arbeitskreises Geschichte + Theorie
1995 Mitarbeit am von Prof. Dr. Wolfgang Benz geleiteten
Forschungsprojekt zur Solidarität und Hilfe für Juden
während der NS-Zeit (bisher 7 Bde., Berlin 1996ff.)
1998 Magisterexamen am Institut für Geschichtswissenschaft der
Technischen Universität Berlin mit einer Magisterarbeit zum
Thema „Juden in Kopenhagen 1780-1820. Studien zu Emanzipation
und Akkulturation"
Seit 1999 Arbeit an einer Dissertation zum Thema
„Emanzipation und Akkulturation der Juden Dänemarks
1780-1850 im europäischen Vergleich", betreut von Prof. Dr.
Rürup.
1999-2000 Vom DAAD gefördertes Vertiefungsstudium an der
University of Wisconsin-Madison (USA); Betreuung durch Prof. David
Sorkin
Arbeitsschwerpunkte
Kultur- und Sozialgeschichte des europäischen Judentums in der
Neuzeit, v.a. im 18. und 19. Jahrhundert;
Geschichte des Antisemitismus;
Geschichte des Nationalsozialismus;
Holocaust-Forschung
Veröffentlichungen
2001
—Der Antisemitismus und das Scheitern des dänischen
Nationalsozialismus, in: Angelika Königseder, Hermann Graml
und Juliane Wetzel (Hg.): Vorurteil und Rassenhass: Antisemitismus in
den faschistischen Bewegungen Europas, Festschrift für
Wolfgang Benz. Berlin 2001, 275-96.
—Jüdische Antworten auf die Moderne im
europäischen Kontext: Perspektiven der Forschung und des
Faches" in: LBI-Information 10 (2001) (Leo-Baeck-Institute).
—Fællesskabets nationalisering og
jødespørgsmålet i en liberal kultur:
Jøderne i Danmark mellem inklusion og eksklusion", in: Uffe
Østergaard und Cecilie S. Banke (Hg.): Folk og
fællesskab: Træk af
fællesskabstænkningen i mellemkrigstiden.
Kopenhagen 2001, 47-61.
1999 Wolfgang Benz und Juliane Wetzel (Hg.): Solidarität und
Hilfe für Juden während der NS-Zeit, Bd. 3:
Regionalstudien, Berlin 1999 (Mitarbeit am Beitrag von Dr. Hermann
Weiß zu Dänemark).
1998 Umstrittenes Judentum: Israel zwischen Pluralismus und Theokratie,
in: Habbo Knoch (Hg.): Davids Traum: Ein anderes Israel. Gerlingen
1998, 229-73 (2. Aufl. Gerlingen 2001).
1997 Wolfgang Benz u.a. (Hg.): Enzyklopädie des
Nationalsozialismus. Stuttgart 1997. (Diverse Artikel, u.a. zu den
Vernichtungslagern).
Dissertationsabstract
Emanzipation und Akkulturation der Juden Dänemarks 1780-1850
im europäischen Vergleich
Betreuer: Prof. Reinhard Rürup (Technische
Universität Berlin)
Das Dissertationsprojekt untersucht den tiefgreifenden Wandel, den die
jüdische Bevölkerung Dänemarks im Hinblick
auf ihren rechtlich-politischen Status, ihre kulturellen Orientierungen
und sozialen Organisationsformen seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert
durchlief. Eine Analyse ihrer Akkulturation und Integration
eröffnet dabei in doppelter Hinsicht einen Zugang zu
übergreifenden Problemstellungen: Eine solche Fallstudie
läßt die Ambivalenzen deutlich werden, die
für die Demokratisierung der dänischen Gesellschaft
im Zeichen der Herausbildung eines christlich definierten, nationalen
Selbstverständnisses kennzeichnend waren. Zugleich
trägt sie wesentlich zum Verständnis der
Transformation des europäischen Judentums im Zuge der
Entstehung des modernen Staates bei, indem das Ineinandergreifen von
Prozessen pragmatischer Anpassung und ideologischer Reflexion sichtbar
wird.
In dieser Hinsicht stellt die
Emanzipation und Akkulturation des dänischen Judentums zwar
den Gegenstand der Untersuchung dar, zugleich aber auch eine Linse,
durch die ein neuer Blick auf die europäische Dimension dieses
Prozesses möglich wird. Durch den Wechsel der Perspektiven und
die Heranziehung unterschiedlicher Vergleichsebenen eröffnen
sich Möglichkeiten, übergreifend
Transformationsprozesse des europäischen Judentums komparativ
zu diskutieren. Als jüdische Gemeinschaft mittlerer
Größe, die weniger zum Zentrum als zur Peripherie
europäisch-jüdischen Lebens gerechnet werden kann,
bietet sich das Judentum Dänemarks dabei in besonderer Weise
an, sowohldie Integrationspotentiale und -hemmnisse der entstehenden
bürgerlichen Gesellschaft als auch die Herausbildung einer
‘modernen’ jüdischen Gemeinschaft auf
nationale Besonderheiten und europäische Gemeinsamkeiten hin
zu befragen.
Der besondere Reiz einer
Untersuchung des dänischen Judentums liegt darin,
daß Kopenhagen einerseits in mancher Hinsicht zum deutschen
Kulturbereich gerechnet werden kann, andererseits sich jedoch im Laufe
des 19. Jahrhunderts nicht nur ein scharfer nationaler Gegensatz zu
Deutschland herausbildet, sondern sich hinsichtlich der
Schwäche des dänischen Antisemitismus und des
Scheiterns der nationalsozialistischen Deportationsaktion
schließlich als Antithese zum Schicksal der Juden in
Deutschland darzustellen scheint. Vor diesem Hintergrund stellt sich
die Frage, welche Auswirkungen die Ideologie des
„dänischen Weges" nach der es einen friedlichen
Übergang in die moderne Gesellschaft sowie die Herausbildung
einer nationalen Identität, die ethnische wie territoriale
Elemente verbindet, gegeben habe, für den Verlauf und die
Ausformung jüdischer Integration und Emanzipation
besaß. Es ist die These zu überprüfen,
daß einerseits ein erhebliches Maß an Respekt
gegenüber jüdischer, ethnisch-kultureller Differenz
generiert wurde, die Emanzipationsgesetzgebung des frühen 19.
Jahrhunderts nie ernsthaft gefährdet war und daß die
Herausbildung einer demokratischen und toleranten politischen Kultur
die Einbindung von Juden in die bürgerliche Gesellschaft
Dänemarks wesentlich erleichterte. Andererseits implizierte
die spezifische nationale Identität der dänischen
Gesellschaft ein erhebliches Maß an
Konformitätsdruck und staatlicher Kontrolle und bewirkte somit
eine wesentliche Verengung der Wege von Juden in die moderne
dänische Gesellschaft. Die „Judenfrage" stellt sich
somit als wesentlicher Schlüssel zum Verständnis
dieser fundamentalen Ambivalenz der Modernisierung der
dänischen nationalen Kultur und Gesellschaft dar.