XX
Rationalisierungen des Gefühls:
Zum Verhältnis von Wissenschaft und Emotionalität, 1880 - 1930
Berlin, 26. - 28. Oktober 2006
Konzept und Organisation: Uffa Jensen und Daniel Morat
Gefördert durch die Fritz Thyssen Stiftung
Seit Herbst 2003 ist Emotionen/Geschichte das Rahmenthema des
Arbeitskreises Geschichte+Theorie. Dies war die zweite
größere und öffentliche Konferenz in einer
Reihe von Tagungen, die zum Themenkomplex organisiert wird. Die erste
fand im Frühjahr 2005 zum Thema Medien und Emotionen: Zur
Geschichte ihrer Beziehungen seit dem 19. Jahrhundert statt, die dritte
war im Herbst 2007 Männlichkeit und Emotion in der
Moderne gewidmet sein.
Wissenschaft und Emotion – im Alltags- ebenso wie in einem
klassischen Wissenschaftsverständnis stellt dies ein
Gegensatzpaar dar: Wissenschaft beruhe im Kern auf einer rationalen
Auseinandersetzung mit Welt; emotionale Aspekte würden hier
allenfalls als zu überwindende Störfaktoren eine
Rolle spielen. Im Unterschied zu dieser gängigen Meinung wird
in neueren Überlegungen jedoch darauf verwiesen,
„daß die konventionelleren Mechanismen der
Rationalität ohne das Vermögen der Gefühle
tatsächlich überhaupt nicht funktionieren
könnten“ (Ronald de Sousa). Aus dieser Perspektive
ließe sich die wechselseitige Beziehung von Wissenschaft und
Emotionalität analysieren: Welche Rolle spielen Emotionen im
Forschungsprozess? Wie werden sie in verschiedenen wissenschaftlichen
Disziplinen konzeptionalisiert und damit einer rationalen
Auseinandersetzung zugeführt? Wie sind die Wechselwirkungen
dieser beiden Prozesse zu beschreiben und in welcher Weise wirkt sich
wissenschaftliche Forschung auf den Emotionshaushalt einer Gesellschaft
aus? Auf einer geschichtswissenschaftlichen Tagung zu diesem Thema soll
analysiert werden, in welchen Schritten sich die bis heute
gebräuchliche Gegenüberstellung von Wissenschaft und
Emotionalität historisch herausgebildet hat und welchen Anteil
daran wiederum die Wissenschaften trugen. Es wird dabei davon
ausgegangen, dass sich dieses Wechselverhältnis in der langen
Jahrhundertwende um 1900 auf spezifische und bis heute nachwirkende
Weise verändert hat.
Programm
Donnerstag, 26. Oktober 2006
Ort: Humboldt-Universität zu Berlin, Unter den Linden 6, Raum
2103
17.00 Uffa Jensen (Brighton)
Begrüßung und Einführung
17.30 Joachim Radkau (Bielefeld)
Wissenschaft und Gefühlskultur um 1900
18.15 Alexa Geisthövel (Bielefeld)
Kommentar und Diskussion
Freitag, 27. Oktober 2006
Ort: Humboldt-Universität zu Berlin, Unter den Linden 6, Raum
3119
Sektion I: Gedächtnisgefühl und Geschichtswissenschaft
9.00 Isabel Richter (Bochum)
Totenmasken im 19. Jahrhundert:
Rationalisierungen des Gefühls zwischen Trauerkultur,
Wissenschaft und Sammelleidenschaft
9.30 Daniela Saxer (Zürich)
Emotionsstile und wissenschaftlicher Geltungsanspruch in der
Geschichtswissenschaft um 1900
10.00 Manuel Borutta (Florenz)
Kommentar und Diskussion
Sektion II: Philosophie der Gefühle
11.15 Daniel Morat (Göttingen)
Verstehen als Gefühlsmethode:
Die Hermeneutik Wilhelm Diltheys
11.45 Matthias Schloßberger (Potsdam)
Die Ordnung der Gefühle nach Max Scheler
12.15 Frank Grüner (Heidelberg)
Kommentar und Diskussion
Sektion III: Psychophysik und Emotionspoetik
14.30 Gesine Lenore Schiewer (Bern)
Gestalttheorie, Poetik und Kybernetik der Emotionen, 1880-1930
15.00 Michael Neumann (Dresden)
Die Physik der Moral:
Formierungen der Gefühlskultur um 1900
15.30 Mai Wegener (Berlin)
Kommentar und Diskussion
Sektion IV: Mechanik der Gefühle
17.00 Per Leo (Berlin)
„Diese Linie fühlt sich an wie Holz“:
Zur Ausdruckswissenschaft in Deutschland, 1900-1940
18.00 Moritz Föllmer (Leeds)
Kommentar und Diskussion
Samstag, 28. Oktober 2006
Ort: Humboldt-Universität zu Berlin, Unter den Linden 6, Raum
3119
Sektion V: Zuschreibung und Übertragung
9.00 Pascal Eitler (Bielefeld)
Emotionalisierung und Verwissenschaftlichung des
Mensch-Tier-Verhältnisses im
so genannten „Vivisectionsstreit“ um 1900
9.30 Till Kössler (München)
Die Entdeckung der Kindheit im Gefühl
10.00 Alexander C.T. Geppert (Berlin)
Kommentar und Diskussion
Sektion VI: Rationalisierungen des Kunsterlebens
11.15 Hansjakob Ziemer (Berlin)
Versachlichung der Klänge:
Musikwissenschaft, Emotionen und das Konzertleben zwischen 1900 und 1930
11.45 Anja Schürmann (Düsseldorf)
Die Beschreibbarkeit von Kunst im Zeichen der Wissenschaft:
Zum Verhältnis von Wissenschaft und Emotionalität
1880-1930
12.15 Habbo Knoch (Göttingen)
Kommentar und Diskussion
13.00 Martina Kessel (Bielefeld)
Schlusskommentar
Uffa Jensen/Daniel Morat
Abschlussdiskussion
Tagungsbericht
In seinem wissenssoziologischen Hauptwerk „Die Entstehung und
Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache“ (1935) stellte
Ludwik Fleck kategorisch fest: „Der Begriff eines
überhaupt gefühlsfreien Denkens hat keinen
Sinn.“ Demgemäß beschrieb er den
naturwissenschaftlichen Forschungsprozess als emotionsgeleitet: Eine
neue Beobachtung, die mit den bisherigen Interpretationsmustern des
vorherrschenden Denkstils nicht konform gehe, löse ein
„Gefühlschaos“ aus: „Staunen,
Suchen nach Ähnlichkeiten, Probieren, Zurückziehen;
Hoffnung und Enttäuschung“. Daraufhin setze eine
verzweifelte Suche nach einer Erklärung für die
Abweichung ein, welche eine erneute emotionale Beruhigung verspreche.
Dieses emotionale Bedürfnis im Forschungsprozess
erkläre denn auch, wieso revolutionäre Neuerungen in
der Wissenschaftsgeschichte von ihren Entdeckern zumeist noch dem
überkommenen Denkstil angepasst würden. Die
Fleckschen Überlegungen sind – spätestens
seit Thomas Kuhn’s Arbeiten – zumeist als eine
erste soziologische Begründung der
(Natur-)Wissenschaftsgeschichte gelesen worden. Zugleich ist in ihnen
jedoch der Abschluss einer ganz anderen Suchbewegung in der
Wissenschaftsgeschichte zu sehen: Mit Fleck wurde eine breite Debatte
über die Bedeutung von Emotionalität in der
Wissenschaft, die seit dem späten 19. Jahrhundert in den
Geisteswissenschaften geführt wurde, für eine
Untersuchung des naturwissenschaftlichen Forschungsprozesses fruchtbar
gemacht.
Diese wissenschaftshistorische Linie nachzuzeichnen, war das Ziel der
18. Tagung des Arbeitskreises Geschichte+Theorie (AG+T), die vom
26.-28. Oktober an der Humboldt-Universität Berlin stattfand,
von Uffa Jensen (Brighton) und Daniel Morat (Göttingen)
organisiert und von der Fritz Thyssen Stiftung finanziert wurde. Die
Ausgangsüberlegung der Tagung folgte dabei der Beobachtung,
dass sich die Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften in der langen
Jahrhundertwende von 1880 bis 1930 durch eine vielgestaltige
Thematisierung von Emotionalität auszeichneten. In so
unterschiedlichen Feldern wie Psychologie, Philosophie,
Geschichtswissenschaft, Soziologie, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte,
Pädagogik u.a. bemühten sich Wissenschaftler um die
Analyse von Gefühlen und reflektierten dabei zugleich die
Bedeutung dieser Gefühle im wissenschaftlichen Prozess
– eine Tatsache, die auch Rückschlüsse auf
die Emotionskultur der Jahrhundertwende erlaubt, wie die Konferenz in
einem weiteren Themenkomplex behandelte. Damit ergaben sich
unterschiedliche Fragenkomplexe: Welches Verhältnis
ließ sich zwischen der individuellen Gefühlswelt von
Wissenschaftlern und ihren wissenschaftlichen Bearbeitung- und
Thematisierungsversuchen beobachten? Wie konzeptionalisierten
unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen verschiedene Emotionen?
Wie beeinflussten solche Konzeptionen ihre wissenschaftliche Arbeit? In
welcher Form wurde Emotionalität als Teil des
wissenschaftlichen Forschungsprozesses selbst betrachtet oder diesem
gerade entgegengesetzt? Welche Schlussfolgerungen ergeben sich aus
solchen Zusammenhängen von Forschungsarbeit und
Gefühlswelt für die Emotionskultur der langen
Jahrhundertwende? Lässt sich an der Häufigkeit und
der Art dieser wissenschaftlichen Thematisierungen von
Emotionalität eine Unterminierung oder gar Auflösung
des bürgerlichen Emotionsregimes des 19. Jahrhunderts ablesen?
Die Tagung wurde durch einen Abendvortrag von Joachim Radkau
(Bielefeld) eröffnet, der sich im Rückgriff auf seine
Studien zur Neurasthenie und seine gerade erschienene Weber-Biographie
mit dem Verhältnis von wissenschaftlicher Forschung und
Emotionskultur in der deutschen Gesellschaft der Jahrhundertwende
auseinandersetzte. Er plädierte dabei mit Blick auf das 19.
Jahrhundert dafür, keineswegs von einem einheitlichen
bürgerlichen Emotionsregime auszugehen, das sich dann um die
Jahrhundertwende allmählich auflöse. Wie die
Therapiedebatten im Falle der Neurasthenie verdeutlichen
würden, werde die Phase bürgerlicher Empfindsamkeit
seit der Romantik eigentlich erst um 1910 durch eine
„kältere Emotionalität“
abgelöst, wobei hierbei vor allem der Erste Weltkrieg
verstärkend gewirkt habe. Anhand von Webers Biographie und
Wissenschaftsverständnis diskutierte Radkau zudem den
Zusammenhang von werturteilsfreier Forschungsprogrammatik und
individueller Gefühlsbewältigung. Damit lieferte er
der Tagung ein idealtypisches Muster für den Zusammenhang von
Biographie, Wissenschaft und Emotionalität, das im weiteren
Verlauf um ein diametral entgegen gesetztes Muster ergänzt
werden sollte.
Die erste Sektion der Tagung „Gedächtniskultur und
Geschichtswissenschaft“ eröffnete Daniela Saxer
(Zürich) mit einem Vortrag über Emotionsstile und
wissenschaftlichen Geltungsanspruch in der Geschichtswissenschaft um
1900. Verschiedene Historikerbiographien vergleichend, betrachtete sie
unterschiedliche emotional geprägte Elemente der
geschichtswissenschaftlichen Praxis, wie etwa die Berufswahl, in der
die Geschichte häufig als mütterlich imaginiert
werde, oder die affektive Kommunikation zwischen jüngeren
Historikern und ihren professoralen Mentoren. Auf besonderes Interesse
stieß dabei Saxers These, dass die wissensgenerierende
Funktion von Emotionalität – eine Praxis der
Einfühlung – im Zuge der Professionalisierung der
Geschichtswissenschaft gegen Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend
zurücktrete, weil die zunehmende Erfassung nicht-narrativer
Quellen eine technizistischere Vorgehensweise beförderte. Im
zweiten Vortrag der Sektion stellte Isabel Richter (Bochum) ihre
Überlegungen über die Verwendung von Totenmasken im
19. Jahrhundert vor. Sie griff damit ebenfalls auf Entwicklungen des
ganzen 19. Jahrhunderts zurück, vor allem indem sie sich
für unterschiedliche wissenschaftliche Stränge
(Physiologie, Kriminologie) interessierte, deren Ansätze den
Umgang mit Totenmasken beeinflussten. Darüber hinaus zeigte
sie Bereiche auf, in denen die bürgerliche Trauerkultur
wissenschaftsfördernde Effekte zeitigte, etwa in den
anthropologischen Sammlungen des Arztes Carl Gustav Carus oder in der
Phrenologie Franz Josef Galls.
In der darauf folgenden Sektion „Philosophie der
Gefühle“ präsentierte Daniel Morat
(Göttingen) die Hermeneutik Wilhelm Diltheys als
Gefühlsmethode. Im Trennungsstreit von Natur- und
Geisteswissenschaften, an dem Dilthey maßgeblich beteiligt
war, habe dieser die Gefühle nicht nur als Gegenstand der
Geisteswissenschaften reklamiert. Vielmehr stelle das hermeneutische
Verstehen als Methode der Geisteswissenschaften selbst eine
Gefühlsleistung dar, die auf der Gemeinsamkeit aller Menschen
als Gefühlswesen beruhe und diesem Wesen als einzige gerecht
werde. Ausgehend von der These, dass es auch für andere
Disziplinen, etwa der Geschichtswissenschaft, notwendig sei, den
Gefühlsbegriff zu klären, stellte Matthias
Schloßberger (Potsdam) die phänomenologische
Gefühlstheorie Max Schelers vor. Dessen Annahme einer
psychophysischen Indifferenz der Wahrnehmung ermöglichte eine
neue Beschreibung des Verhältnisses von Selbst- und
Fremdwahrnehmung, die für die Analyse von Gefühlen
zentral war. Zugleich bietet sich Scheler laut Schloßberger
für weiterführende Überlegungen zur Ordnung
von Gefühlen an. Hierbei stießen insbesondere
Schelers Annahme einer kommunikativen Übertragung von
Gefühlen und einer entsprechenden Kollektivierbarkeit von
Gefühlszuständen auf Interesse.
Die folgende Sektion über „Psychophysik und
Emotionspoetik“ wurde mit einem Vortrag von Gesine Lenore
Schiewer (Bern) über „Gestalttheorie, Poetik und
Kybernetik der Emotionen“ eröffnete. Am Beispiel der
Arbeiten von Carl Stumpf verdeutlichte Schiewer die zentrale Rolle, die
die Gestalttheorie den Gefühlen im Wahrnehmungsprozess
zuschrieb. In einem zweiten Schritt zeigte sie dann, inwiefern die
Gestalttheorie auch in die Entwicklung der Kybernetik und die Idee der
Gefühlssteuerung des Menschen bei Karl Bühler
einfloss. Der zweite Vortrag von Michael Neumann (Dresden)
über die „Physik der Moral“ stellte
anschließend den Völkerpsychologen Wilhelm Wundt ins
Zentrum. Neumann rekonstruierte nicht nur den wissenschaftlichen
Führungsanspruch der von Wundt und Gustav Fechner als
Vermittlerin zwischen Geistes- und Naturwissenschaften vorangetriebenen
experimentellen Psychologie. Am Beispiel von Wundts Kriegspropaganda
1914 verdeutlichte er auch das politische Mobilisierungspotential der
in eine kollektivistische Ethik umschlagenden
Gefühlswissenschaft.
Unter dem Oberthema „Rationalisierungen des
Kunsterlebens“ präsentierte Hansjacob Ziemer
(Berlin) seine Thesen zur musikwissenschaftlichen Analyse des
Konzertgeschehens. Eine emphatische Betonung des
Hörerlebnisses im Konzertsaal, dessen Niederschlag besonders
in einem tiefen emotionalen Empfinden gesehen wurde, machte in der
musikwissenschaftlichen Beschreibung im Laufe des frühen 20.
Jahrhunderts zunehmend einem sachlicheren Verständnis Platz.
Von zentraler Bedeutung für die dafür verantwortliche
Entpsychologisierung des musikalischen Hörens waren neue
technische Reproduktionsformen wie das Radio oder die
Schallplattenaufnahme, die insbesondere die emotionalen Effekte des
Musikhörens zu kontrollieren und zu versachlichen versprachen.
An solche Überlegungen zum Einfluss moderner Technik auf das
Wissenschaftsverständnis schloss Anja Schürmann
(Düsseldorf) ihre Überlegungen zur Beschreibbarkeit
von Kunst in der Kunstgeschichte an, wobei sie sich insbesondere auf
Jacob Burckhardt und Heinrich Wölfflin bezog. Ihr Interesse
galt vor allem den bei beiden sichtbaren Effekten, welche sich aus der
Verwendung neuer technischer und medialer Hilfsmittel (insbesondere der
Kunstphotographie und des Diaprojektors) für die
Theoriebildung über Kunst ergaben. In ähnlicher Weise
wie in der Musikwissenschaft veränderte der Einsatz dieser
medialen Techniken die Position des Kunsthistorikers: Sie schufen
rationale Distanz zum Kunstwerk, wodurch es zugleich dringender wurde,
die emotionale Dimension des Werkes in dessen Beschreibung nacherlebbar
und zugänglich zu machen.
In der Sektion „Gefühlszuschreibungen und
Affektübertragung“ stellte zunächst Pascal
Eitler (Bielefeld) seine Überlegungen zum
„Vivisectionsstreit“ um 1900 vor. In dem Streit
zwischen Tierschützern und Forschern, die Tierversuche
befürworteten, ging es um die Frage, inwieweit Tiere
über Emotionen verfügen. Während die
Tierschützer und Versuchsgegner die grundsätzliche
Ähnlichkeit von Mensch und Tier im Bezug auf ihre
Emotionalität behaupteten, sahen die Vertreter der
Wissenschaft dies als unerlaubte Übertragung menschlicher
Eigenschaften auf Tiere. Zugleich stellte sich dabei aber auch das
Problem des Gefühlshaushaltes von Wissenschaftlern, die sich
in der Frontstellung gegenüber den Tierschützern auf
eine streng rationale und rein wissenschaftliche Position beriefen. In
solcher Gefühllosigkeit wiederum sahen die
Tierschützer eine größere Gefahr, eine
generelle Tendenz zur Verrohung, der man eine emotionalisierte
Ausrichtung der Lebenswissenschaften entgegenzustellen habe. Der
Historiker Till Kössler (München) diskutierte in
seinem Beitrag zu dieser Sektion das sich seit 1880 steigernde
Interesse an kindlichen Gefühlen im Rahmen der
Kinderseelenkunde – einer Vorform der modernen
Kinderpsychologie – und der Pädagogik. Er betonte
insbesondere, wie kindliche Emotionen erst allmählich zu einem
eigenständigen Forschungsgegenstand werden konnten, der nicht
mehr auf eine bloße Entwicklungsstufe hin zum Erwachsenen
reduziert wurde. Verbunden waren solche Untersuchungen mit Forderungen
nach einer ästhetisch, sittlich oder gar religiös
ausgerichteten Gefühlserziehung des Kindes.
Die letzte Sektion „Zeichen der Gefühle“
wurde von Per Leo (Berlin) bestritten, der die deutsche
Ausdruckswissenschaft im frühen 20. Jahrhundert am Beispiel
von Ludwig Klages vorstellte. In Klages’ Charakterologie
kamen nicht nur verschiedene der auf der Tagung besprochenen
Stränge der wissenschaftlichen Thematisierung der
Gefühle zusammen. Sie stellte auch eine exemplarische
„Fusion von Grundlagenforschung und Weltanschauung“
dar, die zum einen an Wundt erinnerte, zum anderen aber durch
Klages’ außeruniversitäre Position eine
eigene Ausprägung erlangte. An Klages ließ sich
zudem ein dem Weberschen Modell entgegen gesetztes Muster studieren:
Hier kombinierte sich ein extrem emotional aufgeladenes
Wissenschaftsverständnis, das Irrationalität und
Intuition bewusst ins Zentrum stellte, mit einem auffällig
sachlichen und entemotionalisierten Lebens- und
Persönlichkeitsstil.
Die Tagung wurde durch einen Abschlusskommentar von Martina Kessel
(Bielefeld) zusammengefasst, indem sie zunächst auf die
erstaunliche Bandbreite wissenschaftlicher Thematisierungen von
Emotionalität in der langen Jahrhundertwende hinwies. Darin
sah sie eine These aus ihren emotionshistorischen Überlegungen
bestätigt, dass es sich bei der verstärkten Debatte
über Emotionen vor allem um ein deutsches Phänomen zu
handeln scheint – ein Argument, dass ebenfalls mit Radkaus
Erkenntnisse zum deutschen Neurasthenie-Diskurs
übereinstimmte. Was machte Gefühle zu so einem
zentralen Diskussionsgegenstand in der deutschen Gesellschaft im
Allgemeinen und für deutsche Wissenschaftler im Besonderen?
Kessel verwies auf zwei unterschiedliche Erklärungsmodelle:
Besondere wissenschaftshistorische und universitäre
Bedingungen in Deutschland in dieser Phase – die Tendenz zum
Forschungsgroßbetrieb, die disziplinäre Abschottung
der Wissenschaft gegenüber
außeruniversitärer intellektueller
Tätigkeit, die besonders ausgeprägte Trennung von
Geistes- und Naturwissenschaften – könnten diese
Gefühlsdebatten stärker befeuert haben. Zugleich
erschien ihr in solchen Debatten die Subjektkonstruktion sowohl des
individuellen Forschers als auch des bürgerlichen Ideals
insgesamt von zentraler Bedeutung zu sein. In diesem Sinne erweist sich
die verstärkte wissenschaftliche Diskussion über
Emotionen als an die zeitgenössische Krise des
bürgerlichen Individuums gebunden. Wissenschaft fungiert hier
zum einen als eine männliche Ermächtigungsstrategie
in Zeiten des unsicher werdenden bürgerlichen Projektes
– ein besonderer Fall von Geschlechter- durch
Wissenschaftskonstruktionen. Zugleich bot dieses
Wissenschaftsverständnis eine Art individuelle
Bewältigungsstrategie, indem es zugleich die Versachlichung
und Beruhigung einer emotionshistorisch problematischen
Krisenkonstellation versprach.
Naturgemäß konnten nicht alle auf der Tagung
aufgeworfenen Fragen abschließend geklärt werden.
Zum einen blieb die Periodisierung einer gefühlstheoretischen
„Sattelzeit“ zwischen 1880 und 1930 umstrittenen.
Zum anderen wurde wiederholt auf das andere Andere der Wissenschaft,
die Religion, sowie auf die andere Rationalität der
Ökonomie hingewiesen, die bei einer weiteren
Beschäftigung mit dem Thema stärker
berücksichtigt werden müssten. Dass die Tagung das
Themenfeld in produktiver Weise geöffnet und zur notwendigen
Historisierung des aktuellen „emotional turn“ in
den Wissenschaften beigetragen hat, war am Ende der
zweitätigen Veranstaltung aber einhellige Meinung. Eine
Publikation der Tagungsergebnisse ist geplant.
Uffa Jensen und
Daniel Morat