XXII
Die Präsenz der Gefühle.
Männlichkeit und Emotion in der Moderne
Berlin, 27.9. - 29.9.2007
Organisation: Manuel Borutta und Nina Verheyen
Gefördert durch die Fritz Thyssen Stiftung
I. Thema
Die Geschichte männlicher Gefühle ist für
die Moderne bislang meist negativ erzählt worden: als
Disziplinierung, Unterdrückung oder verhängnisvolle
Entfesselung maskuliner Leidenschaften. Die Tagung soll dieses
gleichermaßen widersprüchliche wie einseitige Bild
einer defizitären oder pathologischen männlichen
Emotionalität erweitern und verändern, indem sie
Emotionen als historisch wandelbaren, jedoch ständig
anwesenden Bestandteil von Männlichkeit fasst. Ausgehend von
der deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts wird die
Beziehung von Männlichkeit und Emotion in der Moderne auf drei
Ebenen untersucht:
Erstens wird nach der diskursiven Beziehung von Männlichkeit
und Emotion gefragt: Welche Gefühle wurden der
männlichen ‚Natur’ zugeschrieben oder
abgesprochen? Welche Rolle spielten Vorstellungen von
Männlichkeit für Deutungen und Theorien des
Emotionalen? In welcher Beziehung stand beispielsweise die
‚Polarisierung der Geschlechtscharaktere’, die sich
seit dem 18. Jahrhundert vollzog, zur Dichotomisierung von
Rationalität und Emotionalität?
Zweitens geht es - in historisch-anthropologischer
Perspektive - um Emotionen von Männern: Welche
Gefühle waren für Männer sag- und zeigbar?
Inwiefern beeinflussten diese Regeln den Ausdruck und die Erfahrung
männlicher Emotionen? Wie schrieb sich der Umgang mit
Gefühlen in männliche Körpersprachen und
Habitus ein? Welche Praktiken der Kontrolle und Kultivierung von
Gefühlen gab es? Wann wurden Emotionen zum Problem
männlicher Identität, dem durch gezielte Arbeit am
Selbst zu begegnen war?
Drittens sollen Emotionen als Kategorie der Analyse männlichen
Handelns erprobt werden, und zwar auch in Forschungsfeldern, in denen
sie bislang kaum thematisiert worden sind, wie in der Politik- und
Wirtschaftsgeschichte: Inwiefern trägt die Analyse der
Beziehung von Emotion zum Männlichkeit etwa zum besseren
Verständnis eines Streiks, eines Feldzugs, einer Revolution
oder der Börse bei? Sind die Entscheidungen
‚kleiner’ und
‚großer’ Männer besser zu
erklären, wenn man deren Emotionen berücksichtigt?
Wie lassen sich diese erfassen und beschreiben?
Programm
I. Männlichkeit und Emotion in der Moderne: Perspektiven, Modelle, Zugänge
1. Manuel Borutta/Nina Verheyen: Einführung
2. Catherine Newmark (Berlin): Philosophiehistorische Perspektiven:
Begriffe männlicher Emotion und Vernunft in der Moderne
3. Andreas Reckwitz (Konstanz): Kultursoziologische Perspektiven. Zur
Transformation männlicher Subjektformen
4. Ute Frevert (New Haven, Connecticut): Historische Perspektiven. Zum
Wandel der Beziehung von Männlichkeit und Emotion in der
Moderne
II. Literarische Entwürfe im 19. Jahrhundert
5. Claudia Nitschke: Väter & Söhne.
Aufbegehren und Gefühlskultur in den Jahrhundertwenden
(1800/1900)
6. Simona Slanicka (Bielefeld): Adlige Domestizierungsversuche
bürgerlich-männlicher Emotionen? Der Bastardroman im
19. Jahrhundert
III. Familiäre Konstellationen im 19. Jahrhundert
7. Daniel Schläppi: Familiarisierte Öffentlichkeit,
blutige Schlachten, väterliches Wohlwollen. Zum
Gefühlsleben bürgerlicher Männer in Bern
(1830-1930)
8. Ellinor Forster: Ausdrucksmöglichkeiten männlicher
Emotion in Scheidungsprozessen des ländlichen und
kleinstädtischen Österreichs im 19. Jahrhundert
IV. Politische Energien im 19. Jahrhundert
9. Frank Möller: "Jeder Zoll ein Mann!". Heinrich von Gagern
in der Revolution von 1848/49
10. Nikolaus Buschmann: Deutsche Treue – treue Deutsche?
Männlichkeit und politische Moral im langen 19. Jahrhundert
V. Ökonomie und Leidenschaft im 19. und 20. Jahrhundert
11. Christian Koller: Geschlecht und Emotion in schweizerischen und
österreichischen Streikdiskursen (1870-1950)
12. Urs Stäheli: Disziplinierte Spekulanten - hysterische
Märkte: Zum Geschlecht der Spekulation
VI. Medialisierung männlicher Emotionen nach 1945
13. Maria Fritsche: Zwischen Sentiment und Erstarrung.
Männliche Gefühlsregungen im
österreichischen Nachkriegsfilm
14. Marcus Payk: „ Kalte Männer im Kalten
Krieg“. Geheimnis, Geschlecht und Gefühl in
westdeutschen TV-Spionageserien der 1960er Jahre
15. Gunilla Budde: Politik mit Gefühlen. Der
Profumo-Keeler-Skandal im England der 1960er Jahre
VII. ‚Neue Männer’ seit den 1960er Jahren
16. Aribert Reimann: „¡Hasta la victoria
siempre!” Männlichkeit zwischen Revolution und
Emotion in den 60er und 70er Jahren
17. Pascal Eitler: Der „Neue Mann” des
„New Age”. Emotion und Religion in der
Bundesrepublik Deutschland (1970-1990)
18. Frank Grüner: Antimoderne Männerphantasien.
Emotionale Männlichkeitskulte russischer Rechtsextremer seit
der Perestrojka
Tagungsbericht
In historiographischen Darstellungen gleichen Männer vielfach
den ‚Vulkaniern’ der US-amerikanischen TV-Serie
Star Trek: Sie kontrollieren ihre Gefühle und handeln
rational. Auch in den Sozial- und Kulturwissenschaften insgesamt ist
die Geschichte männlicher Gefühle lange ausgeblendet
oder rein negativ erzählt worden: als Disziplinierung,
Unterdrückung oder verhängnisvolle Entfesselung
männlicher Emotionen. Um dieses einseitige Bild zu
differenzieren und Emotionen als einerseits historisch wandelbaren,
andererseits ständig anwesenden und zentralen Bestandteil
männlichen Seins zu profilieren, fand vom 27. bis 29.
September 2007 im Wissenschaftszentrum Berlin für
Sozialforschung die von der Fritz Thyssen Stiftung finanzierte XXII.
Tagung des Arbeitskreises Geschichte + Theorie (AG+T) „Die
Präsenz der Gefühle. Männlichkeit und
Emotion in der Moderne“ statt. Vornehmlich am deutschen
Beispiel untersuchten Historiker/innen, Soziologen, Medien- und
Literaturwissenschaftler/innen die Beziehung von Männlichkeit
und Emotion seit dem 18. Jahrhundert auf drei Ebenen:
Erstens wurde nach der diskursiven Beziehung von Männlichkeit
und Emotion gefragt: Welche Gefühle wurden der
männlichen ‚Natur’ zugeschrieben oder
abgesprochen? Welche Rolle spielten
Männlichkeitskonstruktionen für
Gefühlstheorien? Wie verhielt sich die
‚Polarisierung der Geschlechtscharaktere’ zur
Dichotomisierung von Vernunft und Gefühl? Zweitens ging es auf
einer performativen Ebene um Emotionen von Männern: Welche
Gefühle durften, konnten oder sollten Männer
ausdrücken? Wie beeinflussten Regime der Sag- und Zeigbarkeit
den Ausdruck und die Erfahrung männlicher Emotionen? Wie
schrieb sich der Umgang mit Gefühlen in die
Körpersprache und den Habitus von Männern ein?
Drittens sollten Emotionen als Movens männlichen Handelns
ernst genommen werden. Welche Rolle spielten sie in verschiedenen
Praxisfeldern? Und wie lassen sich Emotionen historiographisch fassen?
Die Einführung von MANUEL BORUTTA (Köln) und NINA
VERHEYEN (Berlin) bettete das Tagungskonzept zunächst in den
Forschungskontext ein. Vor dem Hintergrund jüngster Studien
zur Geschichte der Männlichkeit und der Emotionen
plädierten sie für eine Verknüpfung und
Erweiterung beider Forschungsfelder: Zum einen sei die These eines
starren Geschlechterdualismus, der mit einem Gendering von Vernunft und
Gefühl einhergegangen sei, weiter zu differenzieren. Zum
anderen müsse der Blick auf Nichtbürger erweitert
werden, um die Bürgertumsfixierung der Forschung zu
überwinden. Und schließlich gelte es –
auch innerhalb des Bürgertums – verschiedene Felder
männlichen Handelns zu unterscheiden, in denen für
Emotionen womöglich unterschiedliche Sag- und
Zeigbarkeitsregeln galten. [1] Die Untersuchung distinkter
Praxisfelder, wie sie in der Tagung angelegt sei, könne daher
ein gleichzeitiges Nebeneinander vielfältiger
Ausdrucksmöglichkeiten männlicher Emotionen zutage
fördern.
Die erste Sektion stand im Zeichen „disziplinärer
Perspektiven“. Der Vortrag von CATHERINE NEWMARK (Berlin)
über „Philosophiehistorische Perspektiven: Begriffe
männlicher Emotion und Vernunft in der Moderne“
rekonstruierte das Aufkommen eines neuen Gefühls-Paradigmas um
1800, das die aristotelisch-thomistische Lehre der ‚passiones
animae’ im Sinne einer Verschiebung vom Trieb zur Wahrnehmung
abgelöst habe. Im Zuge der Polarisierung und Naturalisierung
der Geschlechterdifferenz sei es zu einem Gendering von Vernunft und
Gefühl gekommen. Beide Prozesse hätten sich
wechselseitig verstärkt. Einsetzend mit der Kultur der
Empfindsamkeit eröffnete ANDREAS RECKWITZ (Konstanz)
„Kultursoziologische Perspektiven: Zur Transformation
männlicher Subjektformen“. Bis zur Postmoderne seien
vier Subjektformen aufeinander gefolgt, die jeweils durch ein
konfliktreiches Gendering/Degendering von Affektivität
bestimmt gewesen seien, was die Thesen einer Rationalisierung des
Subjekts und eines hegemonialen Geschlechterdualismus
gleichermaßen reduktionistisch erscheinen lasse. Der Vortrag
von UTE FREVERT (New Haven) über „Historische
Perspektiven: Zum Wandel der Beziehung von Männlichkeit und
Emotion in der Moderne“ warb dafür, bei der Analyse
männlicher Emotionen einerseits ‚emotional
communities’ zu unterscheiden, die nach Klasse, Konfession,
Region und Alter organisiert sein konnten, andererseits die Formierung
männlicher Emotionen in Institutionen zu erforschen, die
jeweils spezifische emotionale Stile ausgebildet hätten.
Die folgenden empirischen Beiträge waren sowohl chronologisch
als auch nach Praxisfeldern geordnet. Die zweite Sektion thematisierte
„Literarische Entwürfe“ von
Männlichkeit und Emotion. Unter dem Titel
„Väter & Söhne. Aufbegehren und
Gefühlskultur in den Jahrhundertwenden (1800/1900)“
skizzierte CLAUDIA NITSCHKE (Oxford) die Emotionalisierung von
Vaterfiguren im bürgerlichen Trauerspiel des 18. Jahrhunderts
und verglich sie mit der expressionistischen Literatur des
frühen 20. Jahrhunderts. Hier würden nicht mehr
Väter, sondern Söhne als emotional Aufbegehrende
gezeigt, die sich gegen die väterliche Autorität zur
Wehr setzten. Diese sich wandelnden Emotionalisierungen
häuslichen Lebens reproduzierten politisch-soziale
Machtverschiebungen. SIMONA SLANICKA (Bielefeld) untersuchte anhand
deutscher und französischer Beispiele den
„Bastardroman im 19. Jahrhundert. Adlige
Domestizierungsversuche bürgerlich-männlicher
Emotionen?“ Außereheliche Nachkommen von Adligen
waren beliebte Protagonisten bürgerlicher Romane, die aufgrund
ihrer ‚außer-ordentlichen’ Herkunft oft
als androgyne Wesen mit einem ungeregelten,
überschüssigen Trieb- und Emotionenhaushalt
repräsentiert wurden.
In der dritten Sektion zu „Familiären
Konstellationen“ referierte zunächst DANIEL
SCHLÄPPI (Bern) über „Familiarisierte
Öffentlichkeit, blutige Schlachten, väterliches
Wohlwollen. Zum Gefühlsleben bürgerlicher
Männer in Bern (1830-1930)“. Die Arenen
bürgerlich-männlicher Geselligkeit im Bern des
zweiten Drittels des 19. Jahrhunderts seien Orte
„gefühlsgesättigter
Vergemeinschaftung“ gewesen. Während
Schläppi damit auf Emotionen als notwendigem Ferment
männlicher Soziabilität verwies, arbeitete ELLINOR
FORSTER (Innsbruck) die Funktion von Gefühlsdarstellungen in
Scheidungsprozessen heraus. Ausgehend von Scheidungsakten untersuchte
sie „Ausdrucksmöglichkeiten männlicher
Emotionen in Scheidungsprozessen des ländlichen und
kleinstädtischen Österreichs im 19.
Jahrhundert“. Dass Frauen hier häufiger
über „Angst“, Männer dagegen
über „Zorn“ berichteten, verweise nicht
notwendig auf eine Differenz des tatsächlichen Erlebens der
Beteiligten. Entscheidend sei vielmehr das Ziel der Akteure, eine
Scheidung ohne eigenes Verschulden zu erreichen. Die Erfolgschancen von
Frauen hätten sich vergrößert, wenn sie die
Angst vor ehelichen Misshandlungen betonten, während bei
Männern gerade der Zorn als Teil ihrer geschlechtlichen Natur
anerkannt wurde.
Die vierte Sektion widmete sich „Politischen
Energien“. Unter dem zeitgenössischen Motto
„Jeder Zoll ein Mann!“ arbeitete FRANK
MÖLLER (Greifswald) am Beispiel Heinrich von Gagerns den
Einfluss empfindsamer Männlichkeitsmodelle auf die
Organisation und öffentliche Inszenierung von Politik im
Vormärz heraus, als nur der leidenschaftliche Mann den
idealisierten Bürger und die Nation zu verkörpern
schien. Vor allem deshalb habe sich Gagern in der Revolution von
1848/49 als charismatischer Führer der Nation inszenieren und
die dem Vereinbarungsprinzip verpflichteten Liberalen dazu bewegen
können, sich auf neue Formen der Massenpolitik einzulassen.
Unter dem Titel „Deutsche Treue – treue
Deutsche?“ untersuchte NIKOLAUS BUSCHMANN (Tübingen)
anschließend das Verhältnis von
„Männlichkeit und politischer Moral im langen 19.
Jahrhundert“. Da Treuebeziehungen stets an Bedingungen
geknüpft seien, stelle der
„Führereid“ von 1934 keinen Treueid dar.
Allerdings habe die Rede von der „Treue zum
Herrscher“ im Kaiserreich eine affirmative politische Moral
erzeugt, die mit dem Untergang der Monarchie 1918 ihren zentralen
Bezugspunkt verloren habe, um sich dann in den
„Verratsvorwurf“ gegen das Weimarer
„System“ zu verwandeln, der die
„Volksgemeinschaft“ von der Loyalität zur
Republik entband.
In Sektion fünf zum Verhältnis von
„Ökonomie und Leidenschaft“ erhellte
CHRISTIAN KOLLER (Bangor) zunächst die Beziehung von
„Geschlecht und Emotion in schweizerischen und
österreichischen Streikdiskursen 1870-1950“.
Während bürgerliche Zeitungen das emotionale
Verhalten der Streikenden infantilisiert, feminisiert und
pathologisiert hätten, seien Gefühle in der
Arbeiterpresse als Movens des Klassenkampfes anerkannt worden, das es
zu kanalisieren und zu disziplinieren galt. Unter dem Titel
„Disziplinierte Spekulanten - hysterische
Märkte“ beleuchtete der Soziologe URS
STÄHELI (Basel) dann das Gendering der Spekulation in
US-Börsenberichten und -ratgebern des späten 19. und
frühen 20. Jahrhunderts. Einerseits sei darin die Spekulation
als neue Form immateriellen Wirtschaftens zu einer sündigen
Verführerin feminisiert und sexualisiert worden; andererseits
habe gerade diese Form des Othering die Fiktion des ‚homo
oeconomicus’ aufrecht erhalten: Denn der so hysterisierte
Markt schien auf eine rationale Beobachtung und
‚Behandlung’ durch professionelle
Börsianer geradezu angewiesen zu sein. Um die
Gefühlsausbrüche ‚real
existierender’ Broker zu verbergen, blieben Frauen daher
lange von der Börse ausgeschlossen.
Die sechste Sektion widmete sich der massenmedialen Darstellung von
Männlichkeit und Emotion nach 1945. Unter dem Titel
„Zwischen Sentiment und Erstarrung. Männliche
Gefühlsregungen im österreichischen
Nachkriegsfilm“ verwies MARIA FRITSCHE (Portsmouth) auf den
Nexus zwischen der Konstruktion männlicher Gefühle
und nationaler Identität. Der österreichische
Nachkriegsfilm habe Männer gefühlvoll, musisch und
friedfertig präsentiert und damit ein Ideal
‚weicher’ österreichischer
Männlichkeit entworfen, das nicht nur eine Abkehr von
militärisch-harten Männlichkeitsidealen vollzog,
sondern auch eine Abgrenzung gegenüber Deutschland
ermöglichte. In Ergänzung dieser These fragte MARCUS
PAYK (Potsdam) nach „Kalten Männern im Kalten Krieg?
Geheimnis, Geschlecht und Gefühl in westdeutschen
TV-Spionageserien der 1960er Jahre“. Während
amerikanische Unterhaltungsformate den Systemkonflikt bereits humorig
persifliert und das heroische Männlichkeitsbild durch
„Coolness“ unterlaufen hätten, sei die
westdeutsche Serie „John Klings Abenteuer“ dem
Ideal männlicher Selbstkontrolle und Sachlichkeit noch bis in
die frühen 70er Jahre verhaftet geblieben. GUNILLA BUDDE
(Oldenburg) verschob die Perspektive vom Film zur Presse und
untersuchte „Politik mit Gefühlen. Der
Profumo-Keeler-Skandal im England der 1960er Jahre“. Von
Kennedy bis Schröder habe die Selbstinszenierung von
Politikern als gefühlvollen Familienmenschen stets Vertrauen
schaffen und von politischen Problemen ablenken sollen. Auch der
britische Minister John Profumo habe im Skandal um seine
Affäre zu dem Callgirl Christine Keeler zunächst das
Mitgefühl seiner Kollegen zu erheischen versucht, damit jedoch
eine Emotionalisierung der öffentlichen Debatte eingeleitet,
der er letztlich selbst zum Opfer gefallen sei.
Sektion sieben fragte nach dem Aufkommen des Leitbildes vom
„Neuen Mann“ seit den 1960er Jahren in sich
überlagernden Praxisfeldern. Unter dem Motto
„¡Hasta la Victoria sempre!“ vertat
ARIBERT REIMANN (Köln) die These, dass der emotionale Haushalt
des männlichen Kulturrevolutionärs das einzige
gewesen sei, was die Kulturrevolution der sechziger und siebziger Jahre
nicht verändert habe. Hinter einer Fassade der
Progressivität hätten diese vielmehr
Frauenfeindlichkeit, Gewaltverherrlichung,
‚Coolness’, Homophobie und mürrischen
Weltschmerz gepflegt. Unter dem Titel „Der ‚neue
Mann’ des ‚New Age’. Emotion und Religion
in der Bundesrepublik Deutschland (1970-1990)“ zeigte PASCAL
EITLER (Bielefeld) indes, wie das ‚New Age’ bereits
wenig später eine ganz andere, nämlich
gefühlsbetonte, feminisierte, historisch
‚neue’ Männlichkeit pries. Freilich habe
die Pluralisierung männlicher Identitätsnormen die
traditionelle Geschlechterpolarisierung nicht nur delegitimiert,
sondern auch fortgeschrieben. Einen bewussten Rückgriff auf
„antimoderne Männerphantasien“ sah FRANK
GRÜNER (Heidelberg) in den „emotionalen
Männlichkeitskulten russischer Rechtsextremer seit der
Perestrojka“. Auch der russische Präsident Vladimir
Putin suche mit der massenmedialen Inszenierung
„viriler“ Härte, ein Gefühl
sozialer Wärme zu erzeugen und das
Sicherheitsbedürfnis verängstigter Bürger so
zu befriedigen.
Damit war der zeitliche Bogen von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis
zur Gegenwart gespannt worden. Wie die Tagung insgesamt zeigte, eignet
sich der Blick auf die Geschichte männlicher Emotionen, um
klassische Meistererzählungen der Moderne wie das
Rationalisierungs-, das Disziplinierungs- und das Entfesselungsnarrativ
zu differenzieren. Als fruchtbar erwies sich ferner die heuristische
Unterscheidung einzelner Praxisfelder, die sich in der Empirie oft
überlagerten und beeinflussten: Arbeit (Ökonomie,
Politik), Intimität (Ehe, Familie, Freundschaft), Medien und
Technologien des Selbst (Literatur, Massenmedien, Religion). Daneben
wurden auch alternative Strukturierungsprinzipien erwogen: der Blick
auf temporäre Vergemeinschaftungsprozesse oder auf
‚emotional spaces’ wie den Strand oder das Kino,
die die Performanz männlicher Gefühle unterschiedlich
beeinflussten. Wenn spezifische Gefühlsdispositive zu
nationalen Stereotypen verdichtet wurden, zeichnete sich gar eine
(trans)nationale Arbeitsteilung der Gefühle ab, etwa zwischen
‚sentimentalen’ Österreichern und
‚gefühlskalten’ Deutschen.
In Bezug auf die drei Untersuchungsebenen ergab sich eine interessante
Asymmetrie: Während sich die Frage nach der diskursiven
Konstruktion von Männlichkeit und Emotion (1)
forschungspraktisch offenbar gut mit der Untersuchung von Sag- und
Zeigbarkeitbarkeitsregeln (2) verknüpfen ließ, blieb
die Zurückhaltung bei der Analyse von Emotionen als Movens
männlichen Handelns (3) groß. Die Gründe
dafür mögen vielfältig sein. Im Gegensatz zu
‚Rationalität’ ist
‚Emotionalität’ in den
Sozialwissenschaften immer noch untertheoretisiert. Während
die Unterstellung von Vernunftgründen meist kaum als solche
reflektiert wird, stößt die Analyse von Emotionen
jenseits ihrer sprachlichen oder visuellen Repräsentation nach
wie vor auf Skepsis. Diese Privilegierung der Ratio hängt
vermutlich auch mit der Geschichte der Sozialwissenschaften selber
zusammen, die sich in Abgrenzung zum gefühlsbetonten
‚kulturellen System’ der Religion etablierten.
Solange diese Vernunftfixiertheit anhält, schärft die
aporetische Frage nach den ‚echten’
Gefühlen zumindest das Bewusstsein für die Grenzen
historischer Erkenntnis. Der besondere Reiz des emotionshistorischen
Ansatzes liegt indes nicht zuletzt in der Prämisse, dass es
Emotionen jenseits der Beschreibungen von Emotionen gab, nach denen es
sich weiterhin zu fragen lohnt.