Theorien, Methoden und ihre Anwendung sollten auf drei Ebenen diskutiert werden:
Dieses Bemühen steht im Kontext der „Forderung nach einer befriedigenden Synthese sozial- und kulturgeschichtlicher Ansätze“ (Föllmer), nachdem die „überschaubare Polarisierung zwischen einer meta- und makrotheoriegesättigten historischen Sozialwissenschaft und einem ausdrücklichen Theorieverzicht“ aufgehoben worden ist durch reflexive Theoretisierungen historiographischer Arbeit und den Einfluss der „neuen Kulturgeschichte“ als vielfältiger Methodenanwendung (Knoch) [Tagungen II, VII, IX]. Angesichts des „diffusen Spektrums“ solcher Begriffe wie „Idee“, „Mentalität“ oder „Identität“ begleitet diese Arbeit das „Bedürfnis nach einer sehr präzisen Begrifflichkeit“ (Geisthövel).
Es sollen Unterscheidungen gewonnen werden zwischen „theoriegeleitetem Forschen“, deren Theoriegrundlage aus Nachbardisziplinen abgezogen wird, und Theorien über das Wesen der Geschichte und ihrer Darstellung (Weinhold). Wie ist damit umzugehen, daß „Theorien - auch solche, die in Methoden impliziert sind - den Anspruch erheben, die Einzelheit und Kontingenz von Erfahrungen, Befunden und Ereignissen in den Bezugsraum einer verallgemeinerten, in sich strukturierten Vielheit zu überführen“ (Knoch)? Welcher Grad von Ekklektizismus in der Übernahme von Theorien und Methoden ist erlaubt [Tagung I]?
Im Licht der poststrukturalistischen Debatte und der diversen „turns“ der Kultur-, Sozial- und Geisteswissenschaften gilt es, sich mit der Frage zu „beschäftigen, wie Geschichtswissenschaft als Partikularität, Kontingenz und Multiperspektivität von Vergangenem sicherndes Unterfangen durch die Anwendung von nicht spezifisch historischen Theorien möglich sein kann“ (Knoch). Sollen historische Arbeiten einen Beitrag zu einem „master narrative“ im Sinne der klassischen Sozialgeschichte leisten oder sich darum bemühen, die „Vieldeutigkeit historischer Phänomene“ aufzuzeigen (Kössler)?
Dabei steht neben epistemologischen Grundlagen die Frage der Anwendbarkeit im Zentrum des Versuchs, „hermeneutische Zirkel zwischen luftiger Theorie und bodenständiger Empirie“ zu schlagen (Geppert). Wie gelangt man „von der Theorie zu einer für konkrete historische Fragestellungen relevanten methodischen Anwendung“ (Lehmann)? Welchen Nutzen haben theoretische Überlegungen „bei der Fundierung, Präzisierung und genauen Ausarbeitung eines Themas“ (Geppert)? Angestrebt wird die „Übernahme konkreter ‚kulturwissenschaftlicher' Konzepte anstelle des inflationären Redens von ihnen“ (Kössler). Sie setzt eine Auseinandersetzung mit der internationalen kulturgeschichtlichen Neuorientierung anhand von in Deutschland nur unzureichend rezipierten Anwendungsbeispielen voraus (Geppert) [Tagungen II, IX].
Das stellt gleichzeitig die Frage nach der Relevanz und dem Gewinn externer Konzepte, etwa soziologischer Herkunft (Lebensstil-Analyse), aus der Psychoanalyse („Trauer und Melancholie“) oder den „Cultural Studies“ („High-Culture/Low-Culture“) (Kössler), und neuer, zum Teil interdisziplinärer Forschungsfelder, die gelegentlich paradigmatischen Charakter für sich beanspruchen (Gedächtnisgeschichte, History of Representations, Linguistic Turn). Welche theoretischen Implikationen und welche methodischen Herausforderungen stecken im paradigmatischen Selbstanspruch solcher Ansätze?
Es hat sich gezeigt, daß diese Grundfragen, die in verschiedenen Tagungen und Beiträgen angegangen worden sind, in einer Schnittmenge der verschiedenen Themen und Zugänge der Teilnehmer/innen von besonderem Interesse waren: dem „Verhältnis von Ideen und Interessen und ihrem jeweiligen Einfluss auf die Struktur menschlichen Handelns“ (Föllmer), wobei die „sinnstiftende Konstruiertheit aller Formen der Vergesellschaftung als gedankliche Voraussetzung“ galt (Geisthövel). Wie verhalten sich „individuelles Selbstverständnis und kollektive Identität“ (Jensen)? Welchen Stellenwert haben „historische Subjekte“ im Spannungsfeld von „Individualität“ und „Struktur“ (Geppert)? Wie lässt sich im Rahmen einer „handlungsorientierten Erfahrungsgeschichte ein tragfähiges Konzept historischer Subjektivität und individuellen Handelns“ entwickeln (Knoch)? Kann unter anderem mit Hilfe von Foucault als „Entdecker des Selbst“ „gegen den bis heute existierenden ‚Mainstream' (Sozialgeschichte, Strukturalismus, Poststrukturalismus) das historische Individuum wiedergewonnen“ werden (Jensen) [Tagungen V, VI, VII, IX]?
Gleichzeitig steht zur Diskussion, wie Konzepte wie „Individualität“, „Erfahrung“, „Idee“, „Interesse“ oder „Identität“ überhaupt konzeptionalisierbar und methodisch erfassbar sind. Welche Erkenntnismöglichkeiten bieten dabei Quellen unterschiedlichster Form in ihrer mindestens doppelten Funktion, auf Vergangenes zu verweisen und selbst Bestandteil von Repräsentationsregimen zu sein? [Tagung III] Was geschieht mit dem Quellenverständnis, wenn man es um die „Textualität“ von Quellen, ihr Lesen um den Ansatz ihrer diskursiven Analyse erweitert (Jensen)? Eine mögliche Gefahr dieses Zugangs besteht im Verzicht auf eine „Dialogisierung der Quellen“ zugunsten einer textimmanenten Feinanalyse (Weinhold).
Wie schlagen sich Überlegungen zu diesen Fragen
schließlich in der Darstellungsarbeit nieder? [explizit
Tagung IV] Aus der neuen
„unübersichtlichen“ Theoriesituation
erwachsen nicht selten selbstironische oder anders gebrochene
Darstellungsformen historischer Erkenntnisse als „Ausdruck
der Erkenntnisskepsis, der Entzauberung der Wissenschaftlichkeit in der
Postmoderne“ (Geisthövel). Was taugen etwa
Ansätze wie die „dichte Beschreibung“
für die Analyse und Darstellung von
„Zusammenhängen“ (Lehmann)? Die
Verschränkung von Theorie- und Darstellungsreflexion
führt schließlich zur Problematisierung des Redens
und Schreibens von „Verbindungen“,
„Verhältnissen“ oder
„Kontexten“ (Föllmer). Der Umgang mit
jenem „spekulativen Rest, der durch keine noch so akribische
Methode aufzulösen ist“, erweist sich als besondere
Herausforderung (Geisthövel).
Zusammengestellt aus Äußerungen von Gründungsmitgliedern von Habbo Knoch